Eine allgemein gültige Definition
von Angst gibt es nicht. Im vorliegenden Kapitel wird überwiegend
die Definition des DSM IV benutzt. Diese ist durch viele wissenschaftliche
Untersuchungen überprüft. Mit dieser Definition lassen sich Angstkrankheiten
am besten von anderen Erkrankungen unterscheiden. Diese Definition hat sich
auch in der Behandlung sehr bewährt. Andere Definitionen sollen hier aber
kurz aufgeführt werden.
Angst wird als Reaktion auf aversive Reize angesehen. Angst kann man vor
allen Tieren haben, aber Schlangen und Spinnen nehmen als Objekte von
Angstreaktionen bei weitem den höchsten Rangplatz ein - nicht nur bei
Menschen. Listäffchen z.B. schrecken vor einem auf dem Boden liegenden
Plastikrohr zurück, selbst wenn sie im Labor aufgewachsen sind und noch nie
eine Schlange gesehen haben. Auch große Höhen, Stürme, Dunkelheit, Blut,
Fremde, Eingesperrtsein, tiefes Wasser, lösen bei Primaten wie bei Menschen
leicht Angst aus. In unterschiedlichen Angstsituationen reagieren Menschen
auch unterschiedlich (Nesse 1990) (Marks and Nesse 1994). Vor einem Tier
möchte man fliehen, eine Felsenklippe lässt erstarren, soziale Bedrohung löst
Schüchternheit und Gesten der Beschwichtigung aus. Menschen fallen in
Ohnmacht, wenn sie Blut sehen, weil ihr Blutdruck jäh absinkt – vermutlich
eine Vorkehrung gegen Blutverlust. Wir sind leichter bereit, uns vor Dingen
zu ängstigen, vor denen unsere Vorfahren schon mit Recht Angst hatten, als
vor den realen Gefahren unserer Gegenwart wie elektrischen Geräten, hoher
Geschwindigkeit und Radioaktivität. Auch Tiere können schwer konditioniert
werden, Ängste vor Dingen zu entwickeln, für die sie keine angeborene
Angstbereitschaft besitzen. Angst kann auch ausgehalten und überwunden
werden – auch von Schimpansen, wie die Biologin Jane Goodall (1990)
beobachtet hat, z.B wenn ein rangniederes Männchen trotz sichtbarer innerer
Konflikte den Anführer herausfordert. Die Überwindung der Angst sorgt in
diesem Fall für eine Chance, denn wenn das Männchen aus seiner mutigen
Offensive als Sieger hervorgeht, kann es diesen Sieg vielleicht in einen
Reproduktionserfolg umsetzen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Der
adaptive Nutzen von Angstüberwindung ist auch eine Sache des richtigen
Timings und der Selbstkontrolle. Das Gefühl der Kontrolle trotz Angst kann
Menschen in eine mächtige Hochstimmung versetzen und deshalb absichtlich
gesucht werden. Die Hochstimmung stellt sich ein, wenn man sich Prüfungen
unterzieht, die so aussehen und sich anfühlen wie urzeitliche Gefahren,
wobei man klugerweise dafür sorgt, daß die Sache relativ sicher ist. Winston
Churchill hat einmal gesagt: „Nichts im Leben löst ein größeres Hochgefühl
aus, als beschossen und nicht getroffen zu werden".
Aus Klusmann, D. (o.J.)..Warum
gibt es Gefühle? Eine Einführung in die Evolutionspsychologie (PDF)
.
Entwicklungsgeschichtlich
ist es ein
großer
Vorteil,
wenn eine
Spezies
ängstlich
auf
Gefahren
reagiert.
Auf der
Suche nach
den Genen,
die die
Erzeugung
von Angst
ermöglichen
haben
Forscher im
lateralen
Kern der
Amygdala 2
Gene
identifiziert,
das
gastrinrelated
Peptid und
Stathmin.
Es gelang
den
Forschern
so genannte
Knockout
Mäuse zu
züchten,
die kein
Stathmin
haben.
Diese Mäuse
sind
furchtlos,
sie haben
keine
instinktive
Furcht vor
gefährlicher
Umgebung,
wie offenem
Gelände
oder
Erhöhungen,
die sonst
von Mäusen
gemieden
werden. In
der Wildnis
wären sie
so schnell
zum Opfer
von
Füchsen,
Katzen oder
Raubvögeln
geworden.
Sie
erinnern
auch keine
aversiven
Reize, die
normale
Mäuse
lernen. Die
Forscher
konnten
klären,
dass
Stathmin
die Dynamik
der
Mikrotubulusbildung
im
lateralen
Kern der
Amygdala
hemmt. Die
Mikrotubuli
der
Amygdala
der
Knockout
Mäuse waren
damit
stabiler
oder
weniger
flexibel.
Für die
Speicherung
neuer
Gedächtnisinhalte
werden
normalerweise
neue
Synapsen
gebildet,
dies
erfordert
einen Umbau
der
Mikrotubuli.
Bestätigend
fanden die
Forscher
auch eine
signifikante
Abnahme der
Langzeitpotentiation
in den
Kortiko-Amygdala
und
Thalamoamygdala
-
Schaltkreisen
dieser
Knockout
Mäuse.
Stathmin
gibt es
auch beim
Menschen,
ob es bei
Menschen
und anderen
Säugetieren
in den
Amygdala
die selbe
Funktion
hat ist
noch nicht
bekannt.
Shumyatsky,
G. P.et al.
stathmin, a
gene
enriched in
the
amygdala,
controls
both
learned and
innate fear.
Cell
123,697–709
(2005)
Vermeidungstendenzen ergeben sich bei hoher
Reizintensität und Fehlen von Verhaltensalternativen. Kennzeichen
der Angst ist ein hohes Arousal (vereinfacht Erregungsniveau). Für die
Ausbildung von Reaktionsmustern sind Vergleichsprozesse im Sinne einer
Reizanalyse wichtig. Die neue Reizkonfiguration wird mit einer bereits
gespeicherten verglichen. Auf der cerebralen Ebene kommt es zu folgenden
Prozessen: Die Wahrnehmung erregt über Kollaterale die Formatio retikularis,
diese aktiviert den Cortex, so daß Vergleichsprozesse vorgenommen werden,
die klären ob ein Reiz gefährlich/unbekannt oder ungefährlich/bekannt ist.
Bei einem gefährlichen Reiz wird die FR cortifugal aktiviert und bei einem
ungefährlichen Reiz wird die FR cortifugal gehemmt. Wird die FR cortifugal
erregt werden die Aversionsstrukturen (periventrikuläres System) innerviert
und über die Reizleitung zum Cortex kommt es zu einer Desynchronisation. Die
Aversions- und Verstärkungsstrukturen hemmen sich gegenseitig. Vom Cortex
erfolgt ein motorischer Bewältigungsimpuls, wobei der Hypothalamus gemäß der
Cortexaktivierung sympathisch oder parasympathisch reagiert. Resultat ist
die Verhaltenskonsequenz, die über Bewertung der Situation sowie
modifizierte Bewältigungsstrategien zu Stande kommt. Aus der Vielzahl von
Bewältigungsimpulsen und Innervationen unterschiedlicher vegetativer Systeme
erklären sich die unterschiedlichen Emotionsqualitäten. Angst geht mit einem
starken Arousal einher, welches sich über eine EEG-Desynchronisation,
Herzratenerhöhung, motorische Unruhe etc. ableiten läßt.
Kierkegard unterscheidet zwischen Angst und Furcht. Angst ist ein
,,eigentümliches, unbestimmtes, nicht gerichtetes, sondern gegenstandsloses
Gefühl des Bedrohtseins" ,,Als Furcht kann dagegen eine emotionale,
mit erhöhter Erregung einhergehende Reaktion bezeichnet werden, die immer
objekt - , situations - oder personenbezogen ist, das heißt sowohl der
angstauslösende Reiz, als auch die mit ihm verbundenen individuellen,
subjektiven Vorstellungen und Erwartungen können konkret benannt
werden.",,Furcht ist eine rationale Reaktion auf eine objektiv gegebene und
von der Person identifizierte äußere Gefahr...So oft Angst in verschiedenen
Zusammenhängen gebraucht wird, so viele Definitionen existieren auch. „Eine
allgemein akzeptierte Definition der Angst gibt es nicht.“ Arkoff definierte
1968 Angst als „(...) Erregungszustand, der durch Bedrohung des Wohlgefühls
hervorgerufen wird.“ Im Deutschen Wörterbuch von J. und W. Grimm
heißt es: „Angst ist nicht bloß Mutlosigkeit, sondern quälende Sorge,
zweifelnder, beengender Zustand überhaupt. Das Meyers Lexikon
bezeichnet Angst als:„Gefühl einer Bedrohung, das mit Symptomen wie
Herzklopfen, Zittern, Schweißausbruch, Schlaflosigkeit, momentaner geistiger
Blockierung verbunden sein kann. Die A. ist ein Phänomen, das von
situationsbedingten Zuständen unterschiedl. Intensität über Neurosen bis zur
existentiellen A. des menschl. Seins überhaupt reicht. Das Wörterbuch der
Psychologie sagt zu Angst folgendes aus: „Angst: Ein vielgestaltiger und
in Entwicklung, Ablauf und äußerem Ausdruck individuell sehr
unterschiedlicher Affektzustand, der mit physiologischen Vorgängen verbunden
ist. (...) Stets ist A. eine Reaktion auf einen drohenden Werteverlust, sei
es eine Gefahr für das eigene Leben oder für das Leben anderer, sei es die
Bedrohung irgendeines anderen objektiven oder subjektiven Wertes.“
Eine Schutzfunktion haben hauptsächlich überschaubare „Microängste“,
diese wirken überwiegend leistungssteigernd. Ohne solche Ängste wäre auch so
manches Jahrhundertbauwerk wie die chinesische Mauer oder der römische Limes
als Schutzwälle gegen Angriffe von Feinden nicht entstanden. Auch der Schutz
vor Naturgewalten wie der Bau von Dämmen gegen Sturmfluten entspringt
solchen überschaubaren sinnvollen Ängsten. Im kleinen ist beispielsweise die
Entwicklung von sicheren Fahrzeugen (mit Nackenstützen, Airbags...) solchen
begründeten Ängsten zu verdanken. Überschaubare Angst ist also ein
wesentlicher Motor der allgemeinen wie der persönlichen Entwicklung. Ihre
Motivationskraft ist durchaus der der Neugierde oder der des Ergeizes
vergleichbar. Die Angst
die Kontrolle über die angstauslösende Situation zu verlieren, wird auch als
Macroangst bezeichnet. Diese Macroangst wirkt sich eher lähmend aus, sie
führt eher zu Entscheidungsunfähigkeit, Handlungsunfähigkeit und provoziert
falsche auch unüberlegte Entscheidungen. Dies gilt für Angsterkrankungen
genauso wie für politische oder finanzielle Entscheidungen. Sinn einer jeden
Angsttherapie ist daher das Gefühl einer Kontrollierbarkeit oder
Überschaubarkeit wieder herzustellen. Unabhängig davon ob es nun um Ängste
vor Naturgewalten, finanziellen Miseren oder Kriegen geht, oder ob es um
eine zunächst nicht verstehbare Angst geht die uns ohne nachvollziehbaren
Grund überfällt, kommt es darauf an, herauszufinden, was wir bezüglich der
Angst und der Situation in der sie auftritt kontrollieren können. Umgekehrt
geht es auch um die Einsicht, welche Aspekte wir auch bei großem Aufwand
nicht kontrollieren können und besser einfach akzeptieren sollten. Der
Versuch etwas zu kontrollieren, das sich nicht kontrollieren läßt, - kann
als Illusion kurzfristig gelingen eine solche ist jedoch selten
reproduzierbar und die folgende Enttäuschung um so größer- macht hilflos,
Hilflosigkeit macht Angst oder vergrößert bestehende Angst. Die o.g.
Illusionen spielen in der Medizin eine genauso große Rolle wie in der
Spielbank oder an der Börse. Sie hat auch immer ihre Erfolgreichen und
Bewunderten, die mit geringem Einsatz reich, berühmt usw. wurden. Ihre Macht
ist trotz offensichtlicher vieler Misserfolge allein wegen des
Sensationswertes groß.
Gemeinsam ist den meisten Definitionen, dass Angst als „unangenehmer
Spannungszustand wahrgenommen und subjektiv von anderen emotionalen
Zuständen unterschieden wird“ Nach Gärtner-Harnach ist die Wahrnehmung
dieses Zustandes zwangsläufig mit physiologischen Auswirkungen verbunden.
Damit hört jedoch die Gemeinsamkeit schon auf. Bei einigen Definitionen wird
Angst als eindimensional angesehen, in anderen wiederum multidimensional.
Auch ist man sich nicht einig darüber, ob Angst als bewusste oder unbewusste
Emotion auftritt. „Angst wird als universelle Erfahrung oder als
unverwechselbar an eine einzige bzw. an eine engumschriebene Klasse von
Bedingungen geknüpfte Erfahrung untersucht.“ R. Schwarzer hat 1981 eine
Unterteilung vorgenommen, die die verschiedenen Ängste in drei große
Hauptgruppen teilt: -
Existenzangst- Soziale
Angst- Leistungsangst. Dabei
werden unter Existenzangst die Ängste verstanden, die sich auf die
Gefährdung der Unversehrtheit des eigenen oder eines anderen Körpers
beziehen. Die soziale Angst lässt sich weiter in partnerschaftliche,
familiäre, berufliche, medial vermittelte und existentielle Ängste
unterteilen. Dies sind Ängste, die sich auf das soziale Umfeld und dessen
Zusammenspiel mit der jeweiligen Person beziehen. Die Leistungsangst
beinhaltet Ängste, die das Selbstwertgefühl der Person bedrohen, indem diese
Angst hat, zu versagen oder geforderte Leistungen nicht zu erbringen.
Normalerweise sind Ängste in ihren Erscheinungsformen so ausgeprägt, dass
sie dem Individuum nicht ernsthaft schaden. Sie geben mehr oder weniger den
Anstoß dazu, sich einer neuen Situation zu stellen. ,,Alle diese Ängste
gehören gleichsam organisch zu unserem Leben, weil sie mit körperlichen,
seelischen oder sozialen Entwicklungsschritten zusammenhängen, mit der
Übernahme neuer Funktionen in der Gemeinschaft oder der Gesellschaft
auftreten. Immer bedeute ein solcher Schritt eine Grenzüberschreitung und
fordert von uns, von etwas Gewohntem, Vertrautem uns zu lösen und uns in
Neues, Unvertrautes zu wagen." Die Angst kann das Individuum hemmen
oder auch aktivieren. Jede Bewältigung bestärkt den Menschen in seinem
Selbstwertgefühl und lässt ihn reifen. Ausweichen führt jedoch oft zur
Stagnation und das Problem wird nicht gelöst bzw. es kommen weitere hinzu,
wodurch sich ein ,,Teufelskreis" ergibt. Die Übergänge von ,,normal" und
,,krank" sind fließend.
Angst ist ein "hypothetisches Konstrukt", abstrakt und nicht meßbar.
Lediglich deren Auswirkungen können mit Hilfe von Fragebögen oder durch
Erfassung physischer Aktivierungsmaße festgestellt werden. Weicht das
Ergebnis von den sogenannten Normalwerten ab, gilt die Angst als krankhaft.
Laborexperimente im Bezug auf Angst haben das Problem gemeinsam, daß es
schwierig ist echte Emotionen herzustellen. Sie sind deshalb nur begrenzt
verwertbar. Die Überträgerstoffen Noradrenalin und Adrenalin können
nicht nur bei Angst und Ärger sondern auch bei Freude als Ausdruck
eines erhöhten Erregungsniveaus vermehrt ausgeschüttet werden. Bei einer
Patientin mit einer seit 4 Wochen bestehenden Depression, kombiniert
mit einer Panikstörung ohne Agoraphobie, wurde zufällig eine spontane
Panikattacke unter Ruhebedingungen polygraphisch erfasst. Abgeleitet wurden
Elektrokardiogramm, Fingerdurchblutung, Atemrhythmus und Muskeltonus
(Unterarm, Stirn). Es wurde ein dreiphasiger Verlauf beobachtet: Zwischen
einer diskreten "Initialphase" (ca. 140 s) und "Abklingphase" (ca. 180 s)
ist eine "Dynamikphase" (ca. 80 s) eingeschaltet, in der es zu einer akut
verstärkten Vasokonstriktion der Fingerbeere und einem potenzierten Anstieg
der Herzfrequenz kommt. Erst in dieser Phase bemerkte die Patientin den
Angstanfall. Die erkennbare zentrale Regulation bestätigt Vorbefunde, nach
denen Panikattacken durch eine sympathisch-noradrenerge Aktivierung ohne
Beteiligung des skelettmotorischen Systems eingeleitet werden. Darüber
hinaus zeigt sich vor dem Auftreten der Angst ein gegensinniges Verhalten
von Herz- und Atemfrequenz im Sinne einer nichtantagonistischen Regulation
des ergotrop-trophotropen Systems. Die "vegetative Lage" der Patientin weist
auf eine Labilität der Homöostase hin, aus der Panikattacken als
Reaktionsform des ZNS entstehen könnten.H.-U. Noffke, M.
Roser Polygraphie einer Panikattacke, Der Nervenarzt,72/ 9 (2001) pp 723-728
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