Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Kopfschmerzen Seite 15

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Atypischer Gesichtsschmerz oder auch chronischer Gesichtsschmerz genannt

Der Ausdruck „atyischer Gesichtsschmerz"  wurde ursprünglich in geschaffen, um die Trigeminus- Neuralgie von anderen Schmerzsyndromen im Gesicht abzugrenzen. Die IHS definiert den ihn als anhaltenden  Gesichtsschmerz ohne organische Ursachen. 

Die meisten Patienten kommen erst zum Neurologen nach dem sie sich einer Vielzahl erfolgloser und die Symptome meist verschlimmernder Eingriffe  wie gesunde Zähne ziehen, Wurzelbehandlungen, unnötige Nebenhöhlenoperationen, Kiefergelenksoperationen unterzogen haben. Nicht selten sind dabei Sekundärschäden verursacht worden.  Je häufiger solche Eingriffe in der unmittelbaren Vorgeschichte durchgeführt wurden, umso einfacher oft die Diagnose, umso schwieriger aber auch die Behandlung. 

Die Symptome: 

Es handelt sich meist um einen dumpfen Schmerz im Gesicht, der mehr als 6 Monate andauert, immer wieder von heftigen Episoden gekennzeichnet ist. Er unterscheidet sich von der  temporomandibulären Dysfunktion und von Mundbrennen durch die Lokalisation der Schmerzen und die langanhaltende Symptomatik sowie die Schmerzcharakteristik. Er tritt täglich auf, hält mehr oder weniger den ganzen Tag an und kann sich von einem bestimmten Gesichtsareal auf benachbarte Bereiche oder sogar zum Nacken hin ausbreiten. Die Schmerzlokalisation entspricht nie dem Versorgungsbereich eines sensiblen Gesichtsnerven. Der Schmerz kann einseitig, beidseitig und seitenwechselnd auftreten. In über 90% der Fälle handelt es sich um einen Dauerschmerz wechselnder Intensität. Die Schmerzqualität wird als brennend, stechend, drückend oder pulsierend angegeben. Triggerfaktoren sind die Ausnahme. Neurologische Ausfallserscheinungen, insbesondere sensible Defizite, und andere körperlichen Symptome fehlen. Gelegentlich schildern die Patienten Dys- oder Parästhesien. Die sog. „atypische Odontalgie" und die „Glossodynie" sind  Varianten des atypischen Gesichtsschmerzes. Daten zur Häufigkeit und zum Spontanverlauf sind nicht bekannt. In 90% sind Frauen betroffen. Symptomfreie Phasen können auftreten und Monate anhalten.  Ursachen sind nicht bekannt. In mehr als 2/3 der Fälle wird der atypische Gesichtsschmerz von einer depressiven Verstimmung begleitet, auch eine Somatisierungstendenz ist häufig erkennbar.

Die Diagnose ist auch bei typischen Beschwerden eine Ausschlussdiagnose

Intrakraniell gelegene Tumoren des N. trigeminus oder seines Ganglions, des Kleinhirnbrückenwinkels, der Schädelbasis, der Orbita und des Nasopharynx sowie Infektionen im Bereich der Nebenhöhlen und Kiefer oder als Folge von Zahnextraktionen können damit verwechselt werden. Die Diagnose ist  immer eine Ausschlussdiagnose und erfordert differentialdiagnostisch den Einsatz apparativer, insbesondere bildgebender Untersuchungsmethoden (immer NMR).  Manche Autoren sehen ihn als eine Variante des Spannungskopfschmerzes, andere diskutieren pathogenetisch eine Dysfunktion im zentralen antinozizeptiven System. 

Die Behandlung

Die Wechselwirkung organischer und psychologischer Faktoren im Somatisierungsprozess macht die Behandlung schwierig. Bereits der Hinweis des Arztes, dass es sich nicht um eine gefährliche Erkrankung handelt, kann hilfreich sein. Eine durchweg erfolgversprechende Therapie steht nicht zur Verfügung. Verhaltenstherapeutische Strategien erweisen sich als relativ effizient. Die positive Wirkung von trizyklischen Antidepressiva (am besten untersucht ist Amitryptilin aber auch Fluoxetin gilt als wirksam) als Monotherapie oder flankierend zur Verhaltenstherapie beruhen nicht nur auf deren antidepressiven Effekten sondern auch auf eigenen zentral- schmerzlindernden Eigenschaften.

Nicht wirksam und kontraindiziert

Schmerzmittel sollten nicht verordnet werden, weil sie meist ineffektiv sind und einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz verursachen können. Operative Maßnahmen, insbesondere auch wieder Zahnextraktionen und Wurzelbehandlungen sind kontraindiziert. Infrarotbestrahlung, Neuraltherapie, autogenes Training, Akupunktur, Physiotherapie, analytische Psychotherapie und Hypnose, chiropraktische Manöver und Hydrotherapie bringen nicht mehr als Plazeboeffekte.

Literatur:

  1. Soyka D, Pfaffenrath V, Steude U, Zenz M (1997) Therapie und Prophylaxe von Gesichtsneuralgien und chronischen Gesichtsschmerzen anderer Provenienz. Nervenheilkunde 16: 243–249
  2.  A.A. Elrasheed, H.V. Worthington, S. Ariyaratnam, and A.J. Duxbury Atypical Facial Pain: A Survey of Treatment in the Manchester Area  (UK) Health Education Journal, January 1, 2004; 63(2): 170 - 188.
  3. G Madland and C Feinmann, NOSOLOGICAL ENTITIES?: Chronic facial pain: a multidisciplinary problem, J Neurol Neurosurg Psychiatry 2001; 71: 716-719.[Abstract] [Full text]  
  4. E. Agostoni R. Frigerio and P. Santoro  Atypical facial pain: clinical considerations and differential diagnosis Neurological Sciences, 26, 2 / Mai 2005 ISSN 1590-1874 (Print) 1590-3478 (Online)
  5. S. Ali  et al., Sinusitis and Atypical Facial Pain, The Internet Journal of Otorhinolaryngology TM ISSN: 1528-8420
  6. Urs Pató, Matthias Sturzenegger Gesichtsschmerzen, Schweiz Med Forum 2008;8(18–19):336–340
     

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