Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Rückenschmerz Seite 19

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Der Sinn akuter Schmerzen: Wenn auch immer unangenehm und oft quälend, ist der Schmerz eine der "weisesten" Erfindungen der Natur. Er ist in erster Linie das Frühwarnsystem des Körpers. Er soll jegliche schädliche Einwirkung von außen oder im Inneren des Körpers melden, um Schaden abzuwehren. Dadurch erfüllt der Schmerz eine wichtige biologische Aufgabe. Wir wären in ernsthafter Gefahr, wenn wir Verbrennungen, Unterkühlung, Stiche, Schläge einfach nicht mehr wahrnehmen würden.  Schmerzreize führen auch zu erhöhter Aufmerksamkeit mit dem Ziel, weitere schmerzauslösende Aktivitäten oder Verhaltensweisen zu vermeiden. Dieses Verhalten des Körpers wird auch als Schonhaltung bezeichnet. Sie sollen zum Erkennen des Schadens (Diagnose) und zu dessen Behebung (Genesung und Therapie) beitragen. Unabhängig davon existieren aber auch häufige abnormale und von vorne herein nicht schützende Schmerzempfindungen. Dazu zählen z.B. die primären Kopfschmerzformen, wie Migräne, Spannungs- und Clusterkopfschmerz, bei denen zwar oft unerträgliche Schmerzen empfunden werden, der Schmerz jedoch kein Warnsignal darstellt, da eine Noxe oder Gewebeschädigung fehlt.  

Wie aus den akuten Schmerzreizen chronische werden:  Die genannte Schonhaltung und Vermeidungshaltung ist beim akuten Schmerz oft kurzfristig sinnvoll und notwendig. Dort kann sie manchmal den Heilungsverlauf fördern oder zumindest eine Verschlimmerung verhindern. Bei chronischen Schmerzen bewirkt eine Schonhaltung und Vermeidungshaltung  immer eine Verschlimmerung und weitere Chronifizierung. Chronische Schmerzen haben keine Schutzfunktion mehr. Sie haben sich verselbständigt. Schmerzreize beeinflussen auch die hormonelle Regulation und die Bereiche des Gehirns, die für die Stimmungslage zuständig sind. Durch diese Verbindung gewinnt der Schmerzreiz Anschluss an unsere Gefühlswelt. Schmerz und Gemüt können sich gegenseitig beeinflussen. Unsere Grundstimmung wird durch Schmerzreize gedrückt, insbesondere wenn es sich um dauerhafte oder oft wiederkehrende, zum Beispiel chronische Rückenschmerzen handelt. Das Schmerzereignis wird vor dem Hintergrund bisheriger Erfahrungen (Gedächtnis) und im Hinblick auf unsere Erwartungen bewertet. In diese Bewertung fließt auch die emotionale Gesamtsituation ein, unter der der Schmerz zum "Leiden" werden kann. So führt auch ständiger Streß am Arbeitsplatz oder familiärer Ärger zu einer verstärkten Empfindung des Schmerzes. Bei dem "Erleben" von Schmerz ist das gesamte Nervensystem beteiligt. An allen Schaltstellen der Schmerzleitung vom Rückenmark bis zum Großhirn gibt es aber auch körpereigene Hemmsysteme. Ihr Ziel ist, "überschiessende" Reaktionen des Körpers zu vermeiden, indem sie die Empfindlichkeit und die Reaktionsbereitschaft der schmerzleitenden Nervenverbindungen herabsetzen. Das körpereigene schmerzlindernde System produziert Substanzen, die dem starken Schmerzmittel Morphin ähnlich sind. Man nennt diese Stoffe Endorphine. Ein Mangel an Endorphinen oder eine nachlassende Wirksamkeit dieser Stoffe führt zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit und kann das Entstehen chronischer Schmerzen begünstigen. Bei vielen chronischen Schmerzpatienten entsteht eine mangelnde Ansprechbarkeit auf von außen zugeführte Morphine. Gerade beim Entstehen einer Schonhaltung und Vermeidungshaltung wird die Toleranz gegen jede Anforderung und insbesondere Stress immer geringer, die Schmerzempfindlichkeit nimmt zu. Der Prozess ist umkehrbar, sofern es gelingt stufenweise (Training) diese Schonhaltung aufzugeben. Dies führt auch zu einer Besserung der Schmerzen. Chronische Schmerzen können auch begünstigt werden, wenn Schmerzen für längere Zeit nicht oder inadäquat behandelt werden. Der Schmerz führt dann also zum Schmerz. Man weiß heute mit Sicherheit, dass das schmerzverarbeitende System lernfähig ist, so dass man von einer Plastizität sprechen kann. Schmerz verändert also das Nervensystem funktionell und morphologisch. Die Ursache dafür liegt in der hochgradigen Komplexität aller bei der Schmerzempfindung beteiligten Komponenten des peripheren und zentralen Nervensystems. Eine Dauererregung von polymodalen Nozizeptoren in der Peripherie führt zu einer Hochregulation der spinalen Neuronen ("Wind-up"-Phänomen), die schließlich mittels Genexprimierung ("immediately early genes", z.B. c-fos und c-jun) auf Dauer in ihrer Schwelle oder Spontanentladungsrate verändert werden  Schmerz kann somit gelernt und auch verlernt werden.

Akute Schmerzen sind deshalb etwas ganz anderes als chronische Schmerzen, sie müssen auch ganz anders behandelt werden. Wenn man dies nicht berücksichtigt, wird man sie verschlimmern.  Schwerpunkt diese Kapitels sollten die chronischen Schmerzen sein.

 

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